Wer sich zu schnell nach einer gescheiterten Beziehung in die nächste stürzt, riskiert, den neuen Partner mit unverarbeiteten Trennungsproblemen zu konfrontieren. Das ist nicht nur der neuen Liebe gegenüber nicht fair, unterschwellig brodelt häufig noch die alte Beziehung, und deren Verdrängung raubt der neuen Liebe die Energie. Loslassen und Verlustbewältigung sind harte Brocken für die menschliche Psyche. Wenn wir uns beispielsweise in früher Kindheit von unseren Eltern allein gelassen fühlten, erschütterte das die Grundfesten unserer kleinen Welt. Chemisch gesehen waren wir auf Entzug von dem Bindungshormon Oxytocin, das in Mutter-Kind-Beziehungen oder durch Sex ausgelöst wird. Dazu kam dann noch die Angst, allein zu sein und zu bleiben. Für unsere Bindungsstile und Bindungssicherheit sind derartige Erlebnisse prägende Faktoren.
Auch wenn wir erwachsen sind, reagieren wir auf Verlust genauso wie als Kinder. Vielleicht sind die Reaktionen etwas kontrollierter, aber Entzugserscheinungen und Angst spüren wir ebenso. Wichtig ist im ersten Schritt, sich klar zu machen, dass dies eine völlig normale menschliche Reaktion ist, für die man sich nicht schämen muss und die nach Beendigung einer Affäre genauso traumatisch erlebt werden kann wie nach einer langen Beziehung. Lassen Sie sich in dieser Situation nicht von Freunden helfen, die Ihren Verlust durch Vergleich mit vorgeblich tragischeren Geschehnissen herunterspielen. Das führt nämlich leicht dazu, dass Sie die typischen Trennungs- und Verlustphasen abkürzen oder überspringen - und eben dann Ihren neuen Partner mit reichlich Vergangenheitsbewältigungsproblemen konfrontieren. Trauerphasen brauchen Raum und Zeit - und haben überdies positive Seiten: Sie sind in dieser Zeit sehr nah an Ihren Gefühlen, erleben diese sehr intensiv. Wenn Sie sie durchlebt haben, empfinden Sie neue Stärke, und Ihre Persönlichkeit hat sich weiterentwickelt.
Die typischen Trennungs- und Verlustphasen sind:
Die Trennung ist erfolgt. Ihrem Körper fehlen die gewohnten Botenstoffe, die beispielsweise beim Sex produziert werden, und er reagiert mit Entzugserscheinungen. Darüber hinaus toben Verlustängste durch Ihren Kopf, der sich nicht entscheiden kann, paralysiert zu sein oder emotional Achterbahn zu fahren.
Es ist noch nicht vorbei, vielleicht kommt er ja morgen wieder zurück. Vielleicht verzeiht er mir noch einmal. Sie wollen und können nicht wahrhaben, was da mit Ihnen passiert ist.
Sie fragen sich, wie Ihre Umwelt darauf reagieren wird, dass Sie plötzlich wieder allein durchs Leben gehen. Sie selbst wissen noch gar nicht, wie das funktionieren soll. Egal, was Sie tun, Sie werden daran erinnert, dass Sie das kürzlich nicht allein, sondern zu zweit getan haben. Um mitleidigen Blicken und unangenehmen Erinnerungen zu entgehen, ziehen Sie sich zurück. Sie wollen alleine sein und Ihre Ruhe haben.
In dieser Phase ärgern Sie sich über sich selbst, dass Sie dies und jenes nicht anders gemacht haben; Sie fragen sich, warum Sie überhaupt auf diesen Partner hereingefallen sind, warum Sie nicht auf die Warnungen der besten Freundin gehört haben und warum Sie es wieder nicht geschafft haben, eine Beziehung am Leben zu erhalten. Der Zorn richtet sich ebenso gegen den Ex-Partner, der nicht früher gesagt hat, was ihn störte, der fremdgegangen ist oder der einfach immer alles so grauenhaft negativ sah. Es mag zunächst nicht gesellschaftsfähig klingen, aber Zorn ist gut und gesund, solange er ein Ventil hat. Wenn Sie Zorn in sich hineinfressen, schaden Sie sich. An dieser Stelle soll angemerkt werden, dass Rache nicht als typische Trennungsphase gilt und nur in homöopathischer Dosis als Ventil taugt. Es geht darum, die Wut herauszulassen, nicht so sehr darum, sie in - gedachte oder reale - Vergeltungsmaßnahmen gegen den Ex umzumünzen.
Sie wollen nicht kampflos aufgeben, Sie sortieren sich ein wenig, und dann zeigen Sie sich Ihrem Ex von Ihrer allerbesten Seite. Sie wollen beweisen, dass Sie der beste Partner sind, den er jemals finden kann. Sie hinterlassen Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, schicken Briefe und SMS - und mit etwas Glück wirken Sie dadurch tatsächlich positiv kämpferisch. Vermutlich erzeugen Sie jedoch eher Mitleid und entnervte Fluchtreaktionen.
Nichts hat funktioniert, es ist tatsächlich vorbei. Sie gestehen es sich schon fast ein, aber noch sind Sie zu traurig. Wie Zorn und Wut ist Trauer eine natürliche und reinigende Emotion nach einer Trennung. Sie dürfen selbstverständlich traurig sein, dass die gemeinsamen Erfahrungen mit Ihrem Ex unwiderruflich der Vergangenheit angehören.
Das Schlimmste liegt hinter Ihnen, Sie haben die Trennung beinahe überwunden. Jetzt müssen Sie allerdings tatsächlich für sich akzeptieren, dass ein Lebensabschnitt vorbei ist und ein neuer auf Sie wartet, der dank Ihrer Erfahrungen eigentlich nur besser werden kann. Es ist Zeit für etwas Neues, und wie heisst es so schön: "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne". Oder: "Für jede Tür, die sich schliesst, öffnet sich eine neue."
Eric Hegmann/gayPARSHIP