Sabine Fuchs hat das erste deutschsprachige Buch über "Femme" herausgegeben. Es soll nicht nur die entstehende Femme-Bewegung in Deutschland unterstützen, sondern diese Genderform zudem ins Zentrum queer-feministischer Analysen rücken. gayPARSHIP hat ihr einige Fragen zu diesem bisher eher vernachlässigten Thema gestellt. Foto: (c) Maria M. Litwa
Das Thema Femme ist bislang eindeutig unterrepräsentiert. Mein Buch ist das erste auf dem deutschsprachigen Markt – und es ist schön, dass es ein breites Interesse erweckt. Noch schöner wäre es, wenn diesem Sammelband bald weitere und unterschiedlichste Veröffentlichungen zu Femme-Themen folgen würden. Für die Anerkennung von queerer weiblicher Femininität und Femmes im Besonderen gibt es noch viel zu tun.
Femmes verbinden ihre Inszenierung von Femininität mit radikaler Gender- und Sexualpolitik. Sie besetzen eine oppositionelle Position in den lesbischen oder queeren Szenen, in denen bislang Femininität verpönt war und das Gebot der Genderneutralität, Androgynie oder Maskulinität herrschte. Femmes sind Kämpferinnen für Freiheit im sexuellen und Genderausdruck. Sie kämpfen für eine genderfreundliche und sexpositive Kultur, für sich und andere. Eine Femme kann mit veilchenfarbenen Galahandschuhen bewaffnet einen krachenden Karateschlag hinlegen – stellen Sie sich eine queere Miss Piggy vor ... Mit dazu gehört, dass Definitionen von Femme oft und absichtlich widersprüchlich sind.
Manche Femmes definieren sich nicht als lesbisch, manche Femmes definieren sich nicht mal als Frau. Femmes sind auch nicht einfach automatisch feminin. Ihre Beziehung zu Femininität ist eine komplizierte, durchbrochene. Es geht Femmes nicht alleine darum, Femininität zu feiern, sondern sie auch in einen kritischen gesellschaftlichen und politischen Kontext zu stellen. Traditionelle Schönheits-Normen, die an weibliche Körper herangetragen werden, werden in der Femme-Kultur entmachtet. Im Gegensatz zu so genannten Lippenstiftlesben lassen Femmes sich nicht auf hübsche Oberflächen reduzieren. Und während (andere) feminine Lesben zum Teil naturalisierende und geschlechter-konservative Positionen vertreten, hinterfragen Femmes aufgrund ihrer gewachsenen historischen oder auch persönlichen Verbindung mit Butches und (anderen) Trans*-Leuten die strikte Zweiteilung der Menschheit in "Frauen" und "Männer".
Es einfach zu tun. Femmes steht es frei, die Objekte ihres Begehrens zu wählen. Ganz gleich welches erotische Beuteschema eine Femme verfolgt, es ist sinnvoll und macht Spass, sich die Solidarität anderer Femmes zu holen und gemeinsam aufzutreten. Eine einzelne Femme auf einer Lesbenparty wird immer noch eher als Fremdkörper wahrgenommen, als wahrscheinlich "verirrte Hetera". Ein rausgeputzter Gruppenauftritt von Femmes kann nicht so leicht abgetan und „normalisiert“ werden. Ich sage: Bildet Banden! Stürmt die Szenen! Gemeinsam – denn alleine sind wir lange genug gewesen.
Erste organisierte Versuche der Selbstverständigung und des gegenseitigen Austauschs von Femmes gibt es in Deutschland seit etwa zehn Jahren. Aber noch herrscht überwiegend Vereinzelung. Ich glaube, die meisten Femmes versuchten sich bislang individuell durch die vorfindbaren Strukturen zu schlagen, suchten ihre – mehr oder weniger gut passenden – Nischen in den Lesben- und Bi-Szenen, den Queer- und Trans*-Communitys. Aber die Erfahrung des Ausschlusses und die Kritik an der Femininitätsfeindlichkeit dieser Bezüge ist etwas Verbindendes. Es gibt einen grossen aktuellen Bedarf, die Erfahrungen und Interessen von Femmes zu bündeln und gemeinsam in Bewegung zu kommen.
Im Internet gibt es das deutschsprachige Forum von Butch-Femme.de. Es steht allen Femmes und Femme-Verbündeten offen zum Austausch und Netzwerken. Denjenigen, deren Englischkenntnisse es erlauben, sei auch die US-amerikanische Plattform Butch-Femme.com empfohlen. In Berlin gründet sich gerade die "Berlin Femme Mafia" (http://berlinfemmemafia.blogspot.com/). Das ist der erste deutsche Ableger einer internationalen Community von Femmes, die jeweils lokal in ihren Städten eine Allianz bilden. Die "Atlanta Femme Mafia" war die erste Gründung dieser Art in den USA, in Europa gab es vor Berlin bereits in Stockholm eine "Femme Mafia" (http://www.femmemafia.com/). Ich hoffe, es entstehen weitere Gruppen, die sich global durch das Internet gegenseitig dazu inspirieren, lokal und stadtbezogen femme-politische Aktionen zu planen und durchzuführen.
Leider läuft die jetzige Struktur der Matching- oder Suchfunktionen von gayPARSHIP an den Bedürfnissen grosser Teile der queeren Community vorbei. "Frau sucht Frau" und "Mann sucht Mann" reicht nicht mehr aus, da es zu wenig Raum für die Formen von Geschlechtsidentitäten und Begehrensorientierungen lässt, die längst Realität sind. Viele Femmes, Butches und Transgender-Personen (einige von ihnen „ehemalige Lesben“) finden sich in der Mann/Frau- und lesbisch-schwul/hetero-Struktur einfach nicht (mehr) wieder. Diese Art der Kategorisierung deckt sich nicht mit gegenwärtigen queeren Identifikations- und Begehrensformen. Das kulturelle Leben hat sich geändert und Normen können ausgeweitet werden. Wir brauchen auch eine entsprechende Anpassung der Infrastruktur.
In den nächsten Monaten wird es zu Femme! radikal – queer – feminin eine Reihe von Veranstaltungen geben, Lesungen, Vorträge, vielleicht auch Spoken Word Performances. Was Publikationen betrifft, will ich zunächst meine Promotion abschliessen. Dabei geht es zwar nicht zentral um das Thema Femme, aber – etwas abstrakter – um feminine Genderinszenierung, weibliches Körpergeschlecht und queere Sexualität sowie deren Trivialisierung und Abwertung. Danach plane ich ein Buchprojekt über das Verhältnis von Femme und Transgender sowie dem gesellschaftlichen und familiären Umgang mit Krankheit, Sterben und Tod von Trans*menschen. Mehr zum Thema finden Sie im Internet unter http://www.das-femme-buch.de Katja Tholen